Die Losung für diesen Tag lautet: „Der Herr segne dich und behüte dich“ 4. Mose 6, 24
Ein gutes Wort für den Start zu einer abenteuerlichen Reise nach Mariupol.
Da ich viel über die Arbeit in Mariupol gehört habe und auch schon oft bei den Vorbereitungen hier in Deutschland mitgeholfen habe, wollte ich mir nun auch die Arbeit direkt vor Ort anschauen. Endlich mit dem 4. oder 5. Anlauf hat sich ein Termin finden lassen. 1. April, 15:00 Uhr ist Abfahrt in Serrahn (Mecklenburg). Zusammen mit Matthias Nitzsche, dem Sohn von Heinz und Martina und zwei geretteten Alkoholikern (Andreas und Konstantin) geht es los.
Wir fahren über Frankfurt Oder immer Richtung Osten über Poznan – Lodz – Radom – Lublin und Chelm direkt zur ukrainischen Grenze. Die Straßen in Polen sind super und wir kommen sehr gut voran. Wir haben den 2.04.10 um 7:30 Uhr und sind an der ukrainischen Grenze. Noch ein Gebet vor der Kontrolle, da wir etwas mehr Lebensmittel dabei haben als erlaubt, ca. 150 Dosen Suppe, 25 Laib Käse und 2 Koffer voller Müsliriegel, die für die Gottesdienste und die Obdachlosenmahlzeiten gedacht sind.
Eine halbe Stunde später sind wir in der Ukraine. Es klappt super.
Jetzt ist es Zeit für ein Frühstück. Das Auto ist voll getankt und wir sind gestärkt. Es kann weiter gehen. Nur 470 km bis Kiew, auf einer schnurgeraden breiten Straße, die am Horizont nicht zu enden scheint.
Auf dieser Strecke gibt es wenige Städte und Dörfer zu sehen, dafür sehr viel Wald und steppenartige brachliegende Felder. Immer wieder kann man Frauen beobachten, die am Straßenrand versuchen aus Birkenzweigen gebundene Besen und Birkensaft zu verkaufen.
Die Strecke bis Kiew scheint, aufgrund der schlechten Straße kein Ende zu finden. Wir fahren gerade auf einer solch schlechten Straße, dass man sich im Auto kaum unterhalten kann. Immer wieder gibt es so große Löcher in der Straße, dass selbst LKWs auf den Seitenstreifen ausweichen müssen.
Gegen 15:00 Uhr haben wir Kiew erreicht. Ab jetzt noch ca. 1000 km in Richtung schwarzes Meer über Smila, Oleksandrija, Dnipropretrofsk. Zaparoschje nach Mariupol. Um 9:00 Uhr deutscher Zeit kommen wir müde in Mariupol an.
Kaum zu glauben. Dieses Land ist nur ca. 1500 km von Deutschland entfernt und ich habe das Gefühl, dass hier der Krieg gerade erst vorbei ist. Alles ist grau in grau. Die Häuser sind oft in einem schlechten Zustand, aber trotzdem bewohnt. Es fahren Pferdefuhrwerke auf der Straße, mit denen die Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen und überall riecht es leicht nach Rauch, da im Frühjahr das alte Gras der Wiesen verbrannt wird, um vielleicht einen besseren Ernteertrag zu erzielen.
In Mariupol fallen mir als erstes die beiden großen Stahlwerke Ilitscha und Asowstahl auf sowie die damit verbundene schwefelhaltige graue nebelartige Luft. Glücklicherweise wird mir dieser Geruch nur am ersten Tag gegönnt sein.
Auf jeden Fall werden wir herzlichst empfangen und bekommen ein tolles Frühstück. Nun schlafen wir uns erst einmal richtig aus. Am Nachmittag schauen wir uns die Gottesdiensträume auf der anderen Seite der Stadt an und richten diese für den Ostergottesdienst her.
Es ist toll, nun wieder eine ganze Nacht in einem fest stehenden Bett zu schlafen.
Heute haben wir den 04.04.10, es ist Ostersonntag. Wir haben zwei Gottesdienste, einen am Vormittag und einen am Nachmittag. Beide Gottesdienste sind gut besucht, so dass ich in beiden Andachten nur einen Platz auf dem Flur bekomme. Was auch nicht so schlimm ist, da die Predigt in russische Sprache gelesen wird. Während der Gottesdienste singen wir deutsche Lieder und stellen kurz vor, wer wir sind, was wir machen und warum wir nach Mariupol gekommen sind.
Nach dem letzten Gottesdienst spricht mich ein Russlanddeutscher an. Er erzählt mir, wie es ihm nach dem Krieg ergangen ist. Sein Vater kam in Gefangenschaft, seine Mutter und sein Bruder wurden in Arbeitslager verschleppt. Ab diesem Zeitpunkt mussten die Kinder den Hof selbst bewirtschaften, um zu überleben. Welch eine Verantwortung mussten sie dort übernehmen und wie viele sind daran zerbrochen? Der Hass auf die Deutschen muss sehr, sehr groß gewesen sein. Katharina die Große holte sie damals ins Land, um die ukrainischen Güter zu bewirtschaften. „ Heute“, so sagte der alte Mann, ist die Stimmung teilweise schon eine andere in der Stadt, denn damals waren es Deutsche, die die großen Güter bewirtschafteten, allerdings gaben sie vielen Menschen auch eine Arbeit und genug zu essen. Die Häuser in der Stadt, welche von deutschen Kriegsgefangenen errichtet worden sind, sind heute die am besten erhaltenen Gebäude mit den höchsten Mieten in der Stadt.
Ich kann nur bestätigen, dass die Menschen dankbar sind über jede Hilfe, die sie heute bekommen. Teilweise bedankten sich die Menschen persönlich bei mir für die vielen Spenden aus Deutschland.
Am Abend fahren wir in das Obdachlosenheim von Mariupol. Es ist mehr eine Aufbewahrungsstätte als ein Heim. Kaum Licht und nur ein einziges Fenster befinden sich im ganzen Gebäude. Die Menschen schlafen hier auf engstem Raum, ohne Heizung. Fließendes Wasser gibt es schon. Der Geruch ist kaum auszuhalten. Heinz sagt, ich solle doch ruhig bis hinten durchgehen, ich traue mich aber nicht wirklich. Ja, ich schäme mich sogar ein wenig, da ich einfach in das Leben dieser Menschen eindringe, ohne zu fragen. Darum bleibe ich im großen Vorraum, der zugleich als Bad, Essensaal und auch als Schlafgelegenheit dient. Nun singen wir ein paar Lieder und Heinz liest ein paar Worte aus der Bibel. Danach gibt es eine heiße Kartoffelsuppe für die Obdachlosen, die sie dankbar annehmen. Während gegessen wird, gibt es mit ein paar Leuten einige kurze Gespräche, um herauszufinden ob man Ihnen auch anders helfen kann (zum Beispiel mit neuen Papieren, evtl. einer Arbeit oder mit einem Arzt).
Am Ende unseres Besuches bedankt sich ein Abdachloser ganz herzlich im Namen aller für die hervorragende Arbeit von Heinz und Martina. Er berichtet, dass zum ersten Mal jemand kommt und fragt, wie es Ihnen geht und was man für sie tun könne. Er sagt: „ Lange Zeit waren viele von uns misstrauisch, denn es kam noch nie jemand, der nach unserem Befinden gefragt hat und sich wirklich für uns interessiert hat“
Es ist Dienstag der 06.04.10. Heute fahren wir in die Psychiatrie, um uns die Arbeit von Dr. Djatschenko anzusehen. Jeden Dienstag und Donnerstag werden in der Psychiatrie Andachten gehalten, welche immer gut besucht sind. Diese Zeit nutzen wir, um uns die Klinik vom Leiter Dr. Djatschenko zeigen zu lassen. Es ist ein sehr einfach eingerichtetes Krankenhaus – aber sauber und ordentlich.
Nach dem Rundgang lädt uns der Leiter zu einem Essen in die Klinik ein. Es ist ein Festessen mit 5 Gängen, toll angerichtet und lecker. Während wir essen erzählt Dr. Djatschenko wie es war, als er das Krankenhaus als Leiter übernommen hat.
Die Hälfte der Arbeitszeit verbrachte er damit, irgendwelche Reparaturen selbst auszuführen, weil nichts wirklich funktionierte und kein Geld für Reparaturen da war. Ein anderes Problem waren die Mitarbeiter, denn sie verrichteten ihre Arbeit nur sehr unfreundlich und ohne Liebe. Er wollte, dass sie gerne zur Arbeit gehen, freundlich mit den Patienten umgehen und eigenverantwortlich arbeiten. Dieser Prozess gelang und dauerte etwa 10 bis 15 Jahre. Das Arbeiten im Krankenhaus wurde dadurch schon wesentlich einfacher und erfolgreicher. Trotz all seiner Bemühungen, waren die Bedingungen im Krankenhaus alles andere als gut. Es gab zu wenige Medikamente, kaum richtige Betten und die Stimmung der Patienten war nicht gut. Sie waren sehr laut, schrien oft und mussten oft ans Bett gefesselt werden.
Erst durch den Kontakt zum Blauen Kreuz und zu Heinz und Martina änderte sich die Situation. Heinz konnte gute Krankenbetten und einen neuen Großküchenherd für die Klinikküche organisieren. Aber die größte Veränderung brachten die regelmäßigen Andachten mit den Patienten. Die Patienten sind viel ruhiger geworden und es muss keiner mehr ans Bett gefesselt werden.
Am Mittwoch, den 07.04. machen wir uns auf den Weg nach Berdjansk ca. 1 Autostunde von Mariupol Richtung Krim. Auf dem Weg dorthin besuchen wir noch ein Obdachlosenheim, dieses wird von Walera betreut. Im September letzten Jahres bat er Heinz Nitzsche um Hilfe, da die Obdachlosen so kurz vor dem Winter ihre Unterkunft verloren haben. Gemeinsam suchten Walera und Heinz eine Unterkunft für diese Menschen. Es fand sich eine Ruine, wo sie geduldet werden. Heinz besorgte noch etwas Baumaterial, ließ noch ein paar alte Fenster und Heizkörper aus Deutschland bringen und gab den Obdachlosen das nötige Werkzeug, um sich eine Unterkunft herzurichten.
Als wir dort ankommen, werden Heinz und Martina herzlich begrüßt. Es ist zu spüren, wie dankbar die Obdachlosen sind. Jetzt besprechen Heinz und Walera, was es evtl. noch zu tun gibt und ob es eine Möglichkeit gibt, diese Unterkunft für eine längere Zeit zu sichern, damit die ganze Arbeit nicht umsonst war.
Nun fahren wir nach Berdjansk in die Stadt und an den Strand. Mir fallen immer wieder die vielen Kriegsmahnmale und die vielen Lenindenkmäler auf. Es ist noch an vielen Orten zu spüren, dass dieses Land lange von russischer Hand regiert wurde.
Am letzten Tag besuchen wir noch die Kinderarbeit am Meer. Hier ist es Heinz gelungen, ein günstiges Grundstück zu kaufen. Mit dem Einsatz vieler fleißiger Helfer und großzügigen Spendern konnte ein Gemeindehaus gebaut werden. Die Kinder können sich hier treffen, um gemeinsam zu spielen, bekommen täglich eine Mahlzeit und Hilfe bei den Hausaufgaben. Außerdem wird die Zeit genutzt, um in der Bibel zu lesen und den Kindern von Jesus zu erzählen. Sie lernen auch kleine nützliche Dinge fürs Leben wie zum Beispiel das Kochen, das immer wieder viel Freude bereitet. Diese Arbeit wird hauptsächlich von Praktikanten gemacht, momentan sind es Olga, Ludmilla und Jura.
Nun ist die Zeit in Mariupol schon zu Ende. Ich habe sehr viele neue Eindrücke für mich gewonnen, die ich erst einmal sortieren muss. Besonders fasziniert hat mich das unheimlich weite und schöne Land mit seinen unendlich großen Ackerflächen und Wäldern. Zum anderen sind mir das sehr einfache und arme Leben und aber auch der Reichtum vieler Menschen aufgefallen. Ich bin dankbar, dass Gott es mit uns gut meint.
Maik Spengler
Als kurze Information an alle, die noch Kleiderspenden für diese Arbeit haben.
Martina Nitzsche bedankt sich recht herzlich für den Einsatz, möchte aber eine kurze Pause einlegen, da momentan ihre Lagerkapazitäten ausgeschöpft sind.
Also wer noch Kleidung gesammelt hat, kann sie für einen späteren Zeitpunkt aufbewahren oder anderweitig abgeben. Ich gebe rechtzeitig bekannt, wann wieder Bedarf an Kleidung besteht.








