Es wird in eurem Land immer Arme geben; deshalb befehle ich euch: Unterstützt eure armen und Not leidenden Brüder!
5. Mose 15,11
Oh weh, welch ein unangenehmer Text: Hier geht’s um Geld – und offenbar sogar um mein Geld. Und das ist der Bibelvers für Februar 2010.
Wenn man genau hinschaut, dann steht dort der unmissverständliche Befehl zum Geben: „Deshalb befehle ich euch!“ Nicht, man sollte oder man könnte doch.
Und einen Vers vorher ist zu lesen, dass unser Herz nicht böse sein soll beim Geben und wir dies nicht widerwillig, sondern gern tun sollen – dann wird Gott uns segnen in allen unseren Geschäften, Tätigkeiten und Unternehmungen. Zum Glück steht da ja nur etwas von meinem Land, d.h. in meinem Fall Deutschland, wenn ich das übertrage, und von armen Brüdern und Schwestern, also sozusagen der Familie. Und außerdem findet sich der Vers im Alten Testament. Gilt das denn überhaupt jetzt noch?
Gut, schnell mal die Verweisstelle geprüft: Jakobus 2: Da steht etwa, dass mein Glaube ohne Werke tot sei. Und wenn man den dürftig Gekleideten und Hungrigen nicht unterstütze und nur ein paar wärmende Worte für ihn habe, sei das nutzlos. Geht ja noch. Aber dann fällt mir die Endzeitrede Jesu ein (Matthäus 25, 42-46) und die Worte treffen noch gewaltiger für einen Christenmenschen:
Denn ich war hungrig, aber ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, aber ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd, aber ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, aber ihr habt mir nichts anzuziehen gegeben; ich war krank und im Gefängnis, aber ihr habt euch nicht um mich gekümmert. Dann werden auch sie ihn fragen: Herr, wann sahen wir dich jemals hungrig oder durstig, wann kamst du als Fremder, wann warst du nackt oder krank oder im Gefängnis – und wir hätten uns nicht um dich gekümmert? Aber er wird ihnen antworten: Ich versichere euch: Was ihr an einem von meinen geringsten Brüdern oder an einer von meinen geringsten Schwestern zu tun versäumt habt, das habt ihr an mir versäumt. Auf diese also wartet die ewige Strafe.
Dass der Vers im Alten Testament steht, darauf kann man sich also auf keinen Fall zurückziehen: Jesus wird noch viel deutlicher. Der Unterschied ist aber: Jesus befiehlt nicht. Er macht die Konsequenzen deutlich. Punkt.
Was machen wir, was mache ich also damit?
Offensichtlich ist der Bibelvers für mich ein Anlass, meine Einstellung zum Weggeben zu hinterfragen. Da steht zwar nicht, dass ich alles, was ich besitze, aufwenden soll. Doch beim Blick auf den Gehaltszettel kommt für Arbeitslosenversicherung und Solidaritätszuschlag schon einiges zusammen. Nun soll dies hier kein politischer Artikel sein und man kann sich streiten um Sinn oder Unsinn von Hartz IV und den Soli für den Osten, der bereits zur allgemeinen Steuer geworden ist – doch sind das alles vom Grundsatz her Mechanismen im sozialen Sicherungssystem zur staatlichen Vermeidung von Armut und finanzielle Hilfe für Bedürftige. Ob die Methoden richtig und erfolgreich sind, sei dahingestellt. Aber wie ist meine Einstellung dazu, dass mir etwas weggenommen und an anderer Stelle eingesetzt wird?
Und wo „tue ich meine Hand auf“, wie Luther die Unterstützung übersetzt, und biete etwas selbst an? Kann ich auch auf andere Weise helfen, mit Taten und nicht mit Geld? Was können wir gemeinsam tun? Nehme ich meine Brüder und Schwestern in den Blick und übe ich Barmherzigkeit?

