Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid.
Epheser 1,18
Hoffnung kann man nicht sehen. Man kann Hoffnung haben, verlieren oder wiederfinden. Man kann Hoffnung schöpfen oder auf etwas setzen. Hoffnungen können enttäuscht werden. Man kann einen Grund zur Hoffnung oder Hoffnungsschimmer sehen. Aber die Hoffnung selbst kann man nicht sehen.
Sehen kann man Leid und Krieg in den Nachrichten, anschließend Schnulzen, Krimis oder Fußball. Sehen kann man, wie sich jemand freut oder dass etwas nicht stimmt. Man kann auch etwas anders als andere sehen. Manch einer sieht, dass er sich geirrt hat. Ein anderer sieht, dass er das Weite sucht, und wieder ein anderer sagt beim Abschied: „Man sieht sich.“
Nur Hoffnung kann man nicht sehen. Trotzdem wünscht Paulus den Christen in Ephesus genau das. Er hofft, dass sie etwas können, was man eigentlich gar nicht kann. Paulus wünscht ihnen nicht, dass sie Hoffnung haben oder wiederfinden. Das kann man. Er rät ihnen auch nicht, ihre Hoffnung auf etwas zu setzen, etwa auf den Umschwung, den Fortschritt, die Zukunft oder Gott. Das können Menschen auch, jedenfalls eine Zeit lang. Paulus wünscht ihnen stattdessen, dass sie erkennen, zu welcher Hoffnung Gott sie berufen hat. Das können Menschen nicht von sich aus.
Was bedeutet es, zu erkennen? Erkennen ist so etwas Ähnliches wie Sehen, nur innerlich. Zum Sehen braucht man Licht, aber zum Erkennen braucht man, dass einem etwas einleuchtet. Dann wird es innerlich hell. Dann sagt man: „Klar, so ist das.“ Aber so ohne weiteres leuchtet es uns Menschen nicht ein, dass Gott uns zu einer Hoffnung berufen hat. Es leuchtet ja noch nicht mal ein, was das überhaupt bedeuten soll: zu einer Hoffnung berufen sein.
„Berufen sein“ ist so etwas Ähnliches wie „gerufen sein“, nur innerlich. Wer gerufen wird, hört die laute Stimme eines anderen. Wer berufen wird, merkt im Stillen bei sich, was wirklich wichtig ist und was er deshalb tun muss. Wer berufen wird, wird beauftragt.
Paulus wünscht den Christen in Ephesus zu merken, dass die Hoffnung wichtig ist, und dass sie beauftragt sind zu hoffen – allerdings nicht auf irgendetwas. Er ruft ihnen nicht zu: „Kopf hoch. Hofft, egal auf was. Hauptsache, Ihr hofft.“ Vielmehr sollen die Epheser merken, welche Hoffnung wichtig ist. Wichtig ist die Hoffnung, die Gott ihnen ins Herz legt. Wichtig ist die Hoffnung, die Gott gibt. Die Epheser sollen nicht aus eigener Kraft ihre Hoffnung auf Gott setzen, sondern merken, dass Gott die Hoffnung schon längst gesetzt hat.
Gott hat einen Grund zur Hoffnung gelegt, indem er Christus „von den Toten auferweckt hat und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht und Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen.“ (Epheser 1,20+21) Die Epheser sollen im Stillen bei sich merken, dass die Auferstehungshoffnung wichtig ist, wichtiger als alle menschlichen Hoffnungen, etwa auf besseres Wetter, eine Gehaltserhöhung und ein glückliches Leben.
Warum ist die Auferstehungshoffnung so wichtig? Weil es die Hoffnung ist, die auch noch bleibt, wenn alle anderen Hoffnungen enttäuscht wurden. Deshalb sollen die Epheser und wir diese Hoffnung auch tun. Wir sollen hoffen auf die Auferstehung und die Kraft, die davon ausgeht – eine Kraft, die den Tod überwunden hat und auch unsere Ausweglosigkeiten überwinden kann. Es soll uns einleuchten, dass Hoffen wichtig ist. Es kann uns aber nur einleuchten, wenn Gott uns erleuchtete Augen des Herzens gibt, wenn Gott die Fensterscheiben unserer Herzen putzt, damit Licht hineinfällt und wir sagen: „Klar, so ist das. Weil Christus auferstanden ist und wir mit ihm auferstehen werden, lohnt es sich, heute einen Apfelbaum zu pflanzen, auch wenn morgen die Welt untergeht. Anstatt nur Leid, Krieg, Krimis, Schnulzen, Fußball und umherirrende Menschen zu sehen, ist es wichtig zu hoffen. Das ist unser Auftrag.“ Wer trotz aller Widrigkeiten und Enttäuschungen hofft, verkündigt damit die Auferstehung Jesu – den Hoffnungsschimmer hinter dem Horizont des Todes. Wer auf die Auferstehung hofft, gibt anderen Menschen ebenfalls Grund zur Hoffnung.
Jan-Hendrik Frank

