Lügen ist menschlich, oder? Wer sagt schon immer die Wahrheit? Und welchen Sinn sollte das haben? Warum sollte ich jemanden mit den Worten begrüßen: „Du siehst heute aber wieder schlecht aus?“, auch wenn das der Wahrheit entspräche? Ist es nicht besser, die Wahrheit auch mal zu verschweigen oder sogar ein bisschen zu schönen?
Dem Psychologen Dr. Werner Stangl zufolge gehen Wissenschaftler davon aus, dass Lügen lebensnotwendig sind. „Sie dienen dazu, das Selbstwertgefühl zu erhöhen und einen leichteren Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu ermöglichen“, schreibt der Österreicher. Manche Menschen würden täglich bis zu 200 Mal lügen, meistens, um sich Ärger zu ersparen (41 Prozent) oder Konfliktsituation aus dem Weg zu gehen (14 Prozent). Immerhin 8,5 Prozent der Lügen würden ausgesprochen aus Angst oder um geliebt zu werden oder den guten Ruf nicht zu verlieren. Sechs Prozent der Lügner werden von dem Drang getrieben, sich besser darzustellen.
„Ich war’s. Sieben Wochen ohne Ausreden“, heißt das Motto der diesjährigen Fastenzeit. Die evangelische Kirche ruft dazu auf, sich in der Fastenzeit anzugewöhnen, die eigenen Missgeschicke nicht mehr zu kaschieren, sondern dazu zu stehen. Dabei geht es nicht um Prinzipienreiterei, sondern um Wahrhaftigkeit. „Wer sich mit Ausreden aus einer misslichen Lage befreit, vertuscht damit nicht nur seine Fehler, sondern auch immer ein bisschen sich selbst“, heißt es auf der Internet-Seite der Aktion. Wer lügt, versteckt sich vor sich selbst und vor anderen.
Während der Fastenzeit bereiten sich Christen auf Karfreitag und Ostern vor. Jesu Jünger mussten in dieser Zeit eine schwere Lektion lernen. Ihr Meister hatte sich kurz vor seiner Kreuzigung in den Garten Gethsemane zurückgezogen, um zu beten. Er kämpfte mit der Angst vor dem, was ihn erwartete. „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“, betete er. Und er forderte seine Jünger auf, ihn in dieser Zeit nicht allein zu lassen. „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt“, bat er sie eindringlich. Er wünschte sich, dass sie zu ihm stehen, anstatt einzuschlafen.
„Ich war’s“ heißt das Motto der Fastenzeit. Es ruft uns auf, zu uns selbst zu stehen, zu den eigenen Fehlern, zu den eigenen Unvollkommenheiten. Wir brauchen nicht fehlerlos zu sein, aber wir sollten wahrhaftig sein, anstatt uns wegen unserer Unvollkommenheit zu verstecken. Gott nimmt uns mit unseren Fehlern an. Er steht zu uns.
„Wachet und betet“ lautet der Monatsspruch für April. Er ruft uns auf, zueinander zu stehen.
Jesus verlangt keine Perfektion, aber er wünscht sich Jünger, die in der Not zu ihm stehen.
Die Fastenzeit fordert uns heraus, eine bestimmte Lektion zu lernen: einander trotz unserer Fehler anzunehmen. Lasst uns aufhören, uns voreinander hinter Lügen zu verstecken. Lasst uns anfangen, zueinander zu stehen.
Weitere Infos unter http://www.7wochenohne.evangelisch.de
Jan-Hendrik Frank

